DIRK SOLIES
Natur in der Distanz
Zur Bedeutung von Georg Simmels Kulturphilosophie für die Landschaftsästhetik

1. Aufl. 1998. 300 S. DIN A5. Broschur
EURO 34,95 (unverbindliche Preisempfehlung)
ISBN 978-3-928624-83-1
Philosophie im Kontext. Interdisziplinäre Studien.
Hrsg. v. Stephan Grätzel. Band 3


Georg Simmels Begriff der Distanzierung beschreibt die ambivalente Struktur des Kulturprozesses als Transformation von individueller Entwicklung (Mehr-Leben) in objektive Kultur (Mehr-als-Leben). Lebensphilosophie wird damit zum Organon einer Kulturphilosophie der Moderne. Wie sich an Simmels Analysen der Lebensbereiche Großstadt, Geldwirtschaft, Technik, Wissenschaft und ihren individualgenetischen Dimensionen (Blasiertheit, Neurasthenie, Dissoziierung) zeigt, führen gerade die Techniken der Annäherung zu einer Vernichtung realer Referenzen und einer Situation individueller Entfremdung. Die "große Ambivalenz" des Distanzbegriffes besteht darin, dass diese Entfremdung zugleich als Bedingung individueller Freiheit begriffen wird. Den neurotischen Umweltbezug des Großstädters bezeichnet Simmel mit dem Begriff der Kurzsinnigkeit. Die Mode, das Abenteuer und der Fremde sind charakteristische Phänomene, an denen sich die Doppelfunktion der Distanzierung aufzeigen lässt. Die andere, positive Seite dieser Ambivalenz erweist sich auf dem Gebiet ästhetischer Erfahrung. Hier zeigt sich, dass gerade die Maximierung der Distanz eine spezifische Form von Nähe erzeugt. Erst durch die Konstituierung und Anerkennung ästhetischer Autonomie wird es möglich, das Kunstwerk in seinem Eigenraum und damit als "reine Sichtbarkeit" darzustellen. Auf der Basis der ästhetischen Stilkategorie wird es möglich, Unterscheidungskriterien von Kunst und Kunsthandwerk (bzw. Design) herauszuarbeiten. Auf der Basis der lebensphilosophischen Reformulierung des Kunstbegriffes ist auch die Frage nach dem Zusammenhang von Engagement und Autonomie von Kunst neu zu stellen. Dies lässt sich am Paradigma der Landschaft zeigen. Die Ästhetisierung der Natur als Landschaft ist ja ein genuin moderner Erfahrungsmodus, weil sie die modernen Entfremdungserfahrungen zu ihrer Voraussetzung hat. Mit seiner physiognomischen Landschaftserfassung macht Simmel Leben zum Prinzip einer Naturauffassung, die auch die Momente Zeitlichkeit und Korrespondenz wieder in die ästhetische Erfahrung integriert.

Zum Autor

Dirk Solies ist auch Verfasser des Gardez!-Bandes
"Natur lesen"