Nicole Welter
Herders Bildungsphilosophie

1. Aufl. 2003. 440 Seiten. DIN A5. Broschur
EURO 34,95 (unverbindliche Preisempfehlung)
ISBN 978-3-89796-114-2
Hermeneutik im Gardez! Hrsg. v. Erwin Hufnagel u. Jure Zovko. Band 2


Herder hat als Erster eine umfassende Bildungstheorie vorgelegt, die in unterschiedlichen pädagogischen Strömungen eine tiefe Wirkung entfaltet hat. Dennoch hat die Pädagogik sich einer systematischen Auseinandersetzung mit seiner Konzeption bis dato nicht gestellt. Dieser Aufgabe widmet sich die vorliegende Arbeit, indem sie die Herdersche Bildungsphilosophie hermeneutisch-systematisch erschließt. Zunächst wird die Notwendigkeit von Bildung aus Herders anthropologischer Grundreflexion begründet, wobei er eine Verschränkung von Sinneswahrnehmung, Emotionalität und Rationalität vollzieht, die sich in seiner Ästhesiologie, Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie zeigt. Der Übergang zum Menschen als geschichtlichem Wesen führt uns zu seiner Kulturtheorie, bei der menschliche Entwicklung und kulturspezifische Lebensformen in ihrer wechselseitigen Bezüglichkeit komplex verbunden werden. Die Bedeutung der frühen Kindheit und ihrer spezifischen Lebenswelt als erstem Horizont wird zur Voraussetzung lebenslanger Bildungsprozesse. Bildung als Selbstbildungsprozess und als Ermöglichung von Emanzipation von selbstverständlichen Vorgaben wird damit in ihren strukturellen Vorgaben verortet.
Die Frage nach dem Ziel von Bildung und Vervollkommnung des Menschen wird in Herders Werk "Briefe zu Humanität" radikalisiert und differenziert sowie kritisch beantwortet. Ein allgemeines Ideal lässt sich ohne die Berücksichtigung kulturell differierender Ethosformen nicht formulieren. Herder fungiert als Balancetheoretiker, der sich um die Versöhnung komplexer Lebenszusammenhänge bemüht. In seiner Pädagogik entwirft er ein Schulreformprogramm, das den Voraussetzungen kindlichen Lernens gerecht zu werden versucht. Er entwickelt eine Vorbildtheorie, eine Institutionentheorie und -kritik und stellt die Frage, inwiefern Bildung institutionalisiert möglich ist. Abschließend wird die Kontroverse Kant-Herder in zentralen Zügen skizziert, um die Frage der Herderschen Theorierelevanz, die, so lässt es sich begründen, verfrüht gegen Herder entschieden wurde, erneut zu stellen und sie in ihrer Bedeutung als eigenständige Denkrichtung zur Sprache zu bringen.
Der Bildungsbegriff, der als pädagogischer Grundbegriff seit Mitte des 20. Jahrhundert zur Disposition steht, wird einer Spezifik zugeführt, die deutlich macht, welche Realität wir verabschieden, wenn wir ihn aus den pädagogischen Diskursen ausschließen. Es lässt sich argumentieren, dass es Herder gelungen ist eine Bildungsphilosophie zu entwerfen, die gerade in einer pluralistischen Gesellschaft von unverzichtbarer Relevanz ist.

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